Sonntag, 6. September 2026

»Michael Kohlhaas« Erzählstil



Kleists Novelle ist eine ungemein dichte Erzählung, ein nicht pausierender Strom aus Handlungen, juristischen Reflektionen und Schlachten – auf dem Höhepunkt des unglaublichen Geschehens setzt Kohlhaas zusammen mit seinen Knechten in einer wilden Rebellion eine ganze Stadt in Brand.

Gegenstand der Novelle ist, nach einer Definition Johann Wolfgang von Goethes, "eine sich ereignete unerhörte Begebenheit", eine Begebenheit also, die einen gewissen Anspruch auf Wahrheit erhebt und von etwas Neuem oder Außergewöhnlichem erzählt.

Die Novelle beginnt zunächst poetisch, melodisch und romantisch. Ein beobachtender, alleswissender Erzähler ist es, der von Michael Kohlhaas erzählt. Zuerst ruhig dahinfließend erzählt Kleist von dem Mann, der einst lebte, recht bewegend. An den Worten ist zu spüren, dass sein Leben bisher ohne Zwischenfälle verlief. Dann steigert sich das Tempo:

"Er hielt, in einem Augenblick, da eben der Regen heftig stürmte, mit den Pferden still, und rief dem Schlagwärter, der auch bald darauf, mit einem grämlichen Gesicht, aus dem Fenster sah."

Hier kommt Unheil auf, Gewitterwolken, Blitz und Donner stecken zwischen den Zeilen, es verheißt nichts Gutes. Kohlhaas Leben nimmt im Alter von 30 Jahren eine Wende. .

In den Worten "Nun - Was bin ich schuldig?" steckt Widerstand, Auflehnung, Aufbäumung. Die Sätze sind leicht verständlich und flüssig zu lesen. Die Satzstellung selbst ist obsolet und vielleicht der Zeit des 16. Jahrhunderts angepasst.

»Michael Kohlhaas«  ist eine dokumentarische Erzählung im Stile einer Chronik. Dies hat Auswirkungen auf den Erzählstil. In der Absicht dokumentarisch genau zu erzählen, greift Kleist oft zu verkürzten Sätzen. Er bevorzugt beim Wortgebrauch Latinismen, d. h. lateinische Ausdrücke, wie sie alte Chronisten und Juristen gebrauchen.

Kleist verwendet direkte Reden und Dialoge und wendet auch den Gedankenbericht an, wörtliche Rede eingebunden im Gefüge des gesamten Satzes, Nebensätze mit ständigen Unterbrechungen durch nähere Erläuterungen

Kleist ist bekannt für einen kurzen und prägnanten Stil, der sich auch in diesem Werk zeigt. Man spricht auch von syntaktischen Verkürzungen. Dennoch ist diese Novelle geprägt von vielen Nebensätzen, was teilweise das Lesen etwas erschwert. Durch ein erhöhtes Vorkommen von Verben entsteht zudem beim Lesen der Eindruck eines Vorwärtsdrangs.

Oft legt Kleist sehr genau die Körpersprache der einzelnen Personen dar. Dies veranschaulicht die einzelnen Personen. Der Schöpfer nutzt dies aber auch, um Stärken und Schwächen der einzelnen Personen zu veranschaulichen und einen Kontrast zwischen den Personen darstellen indem er deren Mimik und Gestik genau beschreibt. Auch zwischen einzelnen sozialen Schichten wie z.B. den Adligen und den Bürgern, in der Person von Kohlhaas, kommt es zu einer detaillierten Darstellung der unterschiedlichen Körpersprachen, um die unterschiedlichen Handlungen zu verdeutlichen.

Dies dient also maßgeblich zur körperlichen Veranschaulichung der Handlung. Die Gedankenwege seiner Protagonisten legt von Kleist dabei entweder als fertig formuliert dar oder lässt sie sich erst beim Lesen entfalten, so dass der Leser die Entscheidungen der Handlungsträger und deren Entwicklung nachvollziehen kann.

Kleist arbeitet in seiner Novelle vielfach mit Leitmotiven und Symbolen, die mehrfach im Text vorkommen und die Handlung verstärken sollen.

Ein Symbol ist das Paar Pistolen. Das Paar Pistolen ist ein Spiegelbild seiner gegenwärtigen Lage, den auch beim Treffen mit Luther greift er zu unverhältnismäßigen Mitteln, wie schon im ganzen Verlauf der Geschichte.

Ein anderes verwendetes Symbol ist das Pferd als Symbol der Stärke bzw. auch als Symbol für Kohlhaas selbst, welcher mit den Tieren regen Handel treibt.

In einem anderen Werk benutzt er die Symbolik des zerbrochenen Kruges, der solange zum Brunnen geht bis er zerbricht - eine Metapher des Unnützen, die hier übertragen wird. Kombiniert man beide Werke, dann wird daraus offensichtlich, dass die Privatvendetta des Junkers unnütz gewesen ist. Noch unnützer und hilflos sowie korrupt und manipuliert ist vor allem auch schon damals das völlig versagende Rechtssystem.

Die Personen im Stück treten im Verlauf der Handlung immer wieder ans Fenster. Dabei zeigt die Person sich  nachdenklich und baut zudem eine Brücke zu anderen Textteilen auf. Weiterhin arbeitet von Kleist mit Mitteln der Ironie und versieht seine Protagonisten mit beschreibenden Attributen.